Der wilde Osten – Unsere Exkursion nach Dresden, Pirna, Bautzen und Görlitz

Da wir nicht nur gerne Konzerte, Open Airs oder Partys veranstalten und besuchen, sondern auch gern mal unseren Kopf mit neuen Impressionen füllen, haben wir vom 5. – 6.11. eine kleine Bildungsreise bis an den östlichsten Rand der Republik unternommen. Auf dem Programm standen die Ausstellung Geniale Dilletanten im Dresdner Albertinum, die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein sowie die Haftanstalt Bautzen II, auch bekannt als Stasi-Knast. Außerdem haben wir ein Wohnprojekt in Görlitz besucht und eine bombige Punkrock-Schwofe mit Dozix und Wankerheads aus Berlin mitgenommen, aber das nur als Randnotiz.

Beginnen wir doch mit einem kurzen Abriss zur Ausstellung „Geniale Dilletanten“, die einen Einblick in die aufkommende Alternativmusik-Szene der 70er Jahre bot. Diese sich entwickelnde Subkultur war nicht nur durch musikalische Gruppierungen, wie „AG Geige“, „Ornament und Verbrechen“ oder „Die Gehirne“ dargestellt, sondern ebenso durch Künstlerinnen und Künstler wie Matthias ‚BAADER‘ Holst, Klaus Hähner-Springmühl oder A.R. Penck repräsentiert. Durch verschiedene Hör- und Bildproben sowie große Schautafeln bot die Präsentation einen verständlichen Einblick in das Wirken der Künstler und deren Entwicklung in den 1970er und -80er Jahren. Wer die Eintrittskohle und etwa 2 – 2,5 Stunden Zeit übrig hat und sich für die Entwicklung von Free Jazz, Noise, Punk oder NDW-Elektro interessiert sollte sich in jedem Fall mal bis zum 19.11. im Albertinum einfinden, denn bis dahin ist die Tournee-Exposition noch dort zu sehen.

Vom „Elbflorenz“ trieb es uns anschließend nach Pirna, genauer auf den Sonnenstein, eine ehemalige Festungsanlage, die schon ab dem Jahr 1811 als Anstalt für als heilbar angesehen Geisteskranke diente und zu Zeiten der Weimarer Republik und nach mehreren Um- und Ausbauten außerdem als eine der fortschrittlichsten und humanistischsten Einrichtungen dieser Art galt. Doch schon 1928, mit der Anstellung Hermann Nitsches als Direktor, spätestens aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und damit einhergehend auch mit einem unter dem Eindruck des Sozialdarwinismus entstandenen Menschenbildes der ‚Starken und Schwachen‘, wandelte sich der eigentliche Zweck und die Nutzung der Einrichtung zusehend. Anfänglich wurden Insassen und Patienten, denen Chancen auf Heilung zugestanden wurden, besser und intensiver betreut und behandelt, später kam es auch zu Praktiken wie Zwangsterillisation bei angeblichen erblichen Krankheitsbildern und sogar zu Verpflegungsrationierungen gegenüber den Patienten mit schlechteren Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Der Gipfel dieser Praktiken zur ‚Rassenhygiene‘ wurde in den Jahren 1940 und 1941 mit der gezielten Kohlenmonooxidvergiftung von etwa 13.700 Menschen durch die „NS-Euthanasie-Aktion T4“ erreicht. Genau diese Zeiten arbeitet die Gedenkstätte auf, gibt dem Besucher Einblick auf die Verhältnisse in der damaligen Anstalt, zeigt vereinzelte Patientengeschichten und sensibilisiert dadurch auch zum Thema „Umgang mit Menschen die anders sind“.  Wir können jedem nur empfehlen sich in dieser Gedenkstätte selbst ein Bild von den kruden Praktiken und menschenunwürdigem Umgang der damaligen ‚Ärzte‘ und ‚Pfleger‘ mit ihren Schutzbefohlenen und Patienten zu machen. Der Eintritt in die Gedänkstätte ist frei und öffentliche Führungen gibt es jeden Samstag 14:30 Uhr.

Da der Tag einen Abschluss brauchte ging es für unsere kleine Reisegruppe nun nach Görlitz um unsere Schlafgelegenheit aufzusuchen, ein ordentliches Abendmahl zu genießen und das ein oder andere Bier in uns zu versenken. An dieser Stelle nochmal einen heißen Dank an unsere Gastgeber, wir haben uns wunderbar aufgehoben gefühlt.

Der zweite und letzte Tag brachte zuerst, was jeder Tag nach einem Konzert wohl mit sich bringt…Orientierungsschwierigkeiten, die Suche nach seinen Mitfahrern und die Feststellung nächtlicher Einbußen in finanzieller und materieller Form. Aber egal, kurz den Staub abgeklopft und gegen 11 Uhr saßen 14 Leute in den Autos auf dem Weg nach Bautzen. Hier hatten wir uns eine Führung durch die Haftanstalt Bautzen II, den sogenannten „Stasi-Knast“ organisiert. In der 100-jährigen Geschichte des Gebäudes hatte es vornehmlich eine Bewandnis: Repression. In Zeiten der Nationalsozialisten saßen in Bautzen II vornehmlich politische Gegener und Widerstandskämpfer in ‚Schutzhaft‘. Von ’45 – ’49 war es ein Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Geheimpolizei, in dem nicht selten krude Anklagen erhoben und durch Folter passende Geständnisse erpresst wurden. Ab 1956 bekam es dann seine wohl berühmteste Nutzung und wurde vollständig dem Ministerium für Staatssicherheit übergeben. Ab diesem Jahr füllte sich Bautzen II, das im Übrigen nicht mit dem „Gelben Elend“ identisch ist, mit Staatsverbrechern, Oppositionellen, Westdeutschen und anderen Ausländern sowie Funktionären, denen man Verbrechen gegen die DDR vorwarf. Durch typische Stasi-Methoden wie Erpressung, Bespitzelung, Überwachung und auch Folter wurden hier relevante Daten für das MfS gewonnen und für den Staatsapparat potentiell gefährliche Individuen unter Verschluss gehalten. Unser Führungsleiter hatte eine unglaubliche Passion für das Thema entwickelt und konnte deswegen zu jedem Kiesel, jeder Zelle und jedem Lichtschalter eine Geschichte über die Häftlinge erzählen, was das Erlebnis in der Anstalt natürlich unglaublich lebendig, gleichzeitig aber auch sehr erdrückend machte. Besonders die Zellen in der Einzelhaft, bei denen man auf das Wohlwollen der Wärter angewiesen war um sein Geschäft verrichten zu können, aber auch die Geschichten über Misshandlungen im Frauentrakt ließen einen nicht mehr unbeteiligt bleiben. Auch für diese Station unserer Reise kann man wieder eine klare Empfehlung aussprechen, auch wenn wir eingestehen mussten dass es nicht unsere beste Idee war sowas direkt nach einem Konzert zu besuchen. Eine Führung kann durchaus 2,5 – 3h gehen, darauf sollte man gefasst sein. Langweilig wurde es hingegen nie. Führungen durch die Gedenkstätte gibt es jeden Freitag um 17:00 Uhr sowie Samsatgs und Sonntags jeweils 11:00 und 14:00 Uhr.

Anbei gibt’s noch ein Paar Bildeindrücke…

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